«Wenn das Volk nur fressen kann!»

Diese Webseite ist aus dem freien Tutorat «Wenn das Volk nur fressen kann! Geschichte der Esskultur» im Frühjahrssemester 2011 am Historischen Seminar der Universität Zürich hervorgegangen. Ziel der Plattform ist es einen Einstieg zu den wichtigsten Informationsmittel zum Thema Esskultur und Essgeschichte zu geben. Die Informationsmittel wurden fachunabhängig ausgewählt und bieten einen Überblick von Arbeitskreisen bis hin zu Zeitschriften. Wir versuchen diese Webseite ständig zu erweitern, um den Veränderungen des Forschungsgebietes gerecht zu werden.

Das freie Tutorat war als Einführungs- und Diskussionsveranstaltung gedacht. Entsprechend breit war die thematische Ausrichtung, wie dem untenstehenden Begleittext entnommen werden kann. Das Programm mit Lesehinweisen findet sich unter dem entsprechenden Menüpunkt oder kann direkt als PDF heruntergeladen werden.

Begleittext zum freien Tutorat «Wenn das Volk nur fressen kann! Geschichte der Esskultur»

Mit «panem et circenses» kritisierte der antike Satiriker Juvenal das römische Volk, das sich selbst entpolitisiert habe, geblendet durch Brot und Spiele. Er implizierte damit, dass Nahrung beziehungsweise Nahrungsmittelversorgung bewusst als machtpolitisches Instrument eingesetzt werden kann. Der Ausruf «Wenn das Volk nur fressen kann!» könnte in diesem Sinn als zynisches Statement eines despotischen Herrschers gedeutet werden. Tatsächlich spielt das Zitat aus Nestroys Theaterstück «Lorbeerbaum und Bettelstab» weniger auf politische Ungerechtigkeiten an. Es ist die Aussage eines desillusionierten Künstlers, der sich darüber mokiert, dass sich sein Publikum lieber dem leidenschaftlichen Essen hingebe, als ihm Gehör zu schenken. Essen und Trinken wird damit von Nestroy als kulturelles Konkurrenzprodukt zur Dichtkunst portiert.

Die beiden Beispiele deuten die Breite und Wichtigkeit der Thematik an: Selbstverständlich folgt die blosse Nahrungsaufnahme einem biologischen Zwang und die Kontrolle der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung kann dadurch zur ökonomischen wie auch zur machtpolitisch-strategischen Ressource werden. Andererseits ist Essen und Trinken auch ein Element der sozialen und kulturellen Interaktion.

Die Art und Weise, wie gegessen und getrunken wird, wirft soziale, ökonomische und ökologische Probleme auf, bringt Rituale und Inszenierungen hervor, ist Teil von kulturellen und damit auch von religiösen Symbolsystemen, entwickelt spezifische Fertigkeiten und technische Errungenschaften, dient der sozialen Distinktion, stiftet also Identitäten, schafft aber auch Abgrenzungen und darf daher durchaus als zentraler Referenzpunkt menschlichen Handelns betrachtet werden.

Wir stellen fest, dass das Interesse daran zunehmend wächst. Ob Slow-Food-Bewegung, Pro Specie Rara oder Kulinarisches Erbe der Schweiz, der Blick auf die Entwicklungen und Projekte im ausserakademischen Bereich zeigt eine Vielfalt von Bereichen, in deren Zentrum Essen und Ernährung als Kulturgut stehen. Die Aktualität des Themas wird auch in der Zunahme an Beiträgen in der Tagespresse und an Buchveröffentlichungen zu Themen wie Vegetarismus, Fast Food oder einzelner Nahrungsmittel deutlich, wobei vermehrt auf den kulturellen Kontext eingegangen wird. Dieses Interesse lässt sich auch im universitären Bereich feststellen. Das Aufkommen der kulturwissenschaftlichen Forschung und der Beschäftigung mit Essen in den letzten Jahren schlägt sich in der Gründung mehrerer spezifischer Institute an unterschiedlichen Universitäten nieder, wie zum Beispiel dem Zentrum für Gastrosophie an der Universität Salzburg, dem Centre for the History of Food and Drink an der University of Adelaide, dem Institut Européen d’Histoire et des Cultures de l’Alimentation an der Université de Tours und der Università di Scienze Gastromiche in Pollenzo e Colorno.

An der Universität Zürich bleiben Forschung und Lehre im Bereich der Esskultur auf einzelne Fachgebiete oder Zeitabschnitte begrenzt. Wer sich als Student oder Interessierter innerhalb des universitären Angebots mit den kulturellen und historischen Aspekten der Ernährung auseinander setzen möchte, stösst auf ein kleines Angebot. Im Herbstsemester 2010 werden zwar eine Ringvorlesung (Essen und Trinken im Mittelalter) und ein Seminar (Essen und Trinken in der Alten Kirche. Fasten, Totenmahl und Eucharistie) angeboten, doch ist der zeitliche Horizont, wie in beiden Titeln klar wird, begrenzt. Weitere vergangene Veranstaltungen beschränken sich auch inhaltlich auf eine spezifische Thematik, wie Sprachgeschichte der Kochrezepte (FS2010), Die Nahrungsversorgung in spätmittelalterlichen Städten (FS2009) oder Von Brotunruhen zur Welthungerhilfe. Nahrungsmangel als soziales Phänomen und politisches Konzept (SS2006). Die letzten beiden – allerdings auch zeitlich beschränkten – Überblicksveranstaltungen wurden mit Sozialgeschichte der Ernährung, Kulturgeschichte des Essens (18.-20. Jh.) (SS2006) und Essen und Trinken im Mittelalter: eine Kultur- und Sozialgeschichte der Ernährung (FS2009) vor vier bzw. knapp zwei Jahren gegeben.
Mit dem freien Tutorat zur Geschichte der Esskultur soll die Leerstelle einer fächer- und zeitübergreifenden Veranstaltung mit einem historischen Schwerpunkt gefüllt werden.

Ziel des freien Tutorats soll zum einen sein eine möglichst breite Aufarbeitung der Thematik zu bieten, so dass die Teilnehmer am Ende der Veranstaltung mit den wichtigsten Ansätzen und Erkenntnissen des Gebietes vertraut sind. In sieben thematischen Blöcken zu vier Lektionen werden grundlegende Texte zum jeweiligen Fokus erarbeitet. Zum anderen soll mit der Anknüpfung an den ausseruniversitären Bereich über Vorträge und Exkursionen versucht werden, die Relevanz des Themas und mögliche Berufsbilder im Bereich der Esskulturgeschichte aufzuzeigen. Hier wird auf eine (kritische) Zusammenarbeit mit dem Inventar Kulinarisches Erbe der Schweiz und Slow Food Schweiz gesetzt.